Veröffentlicht:
27.01.2010 -
Nabila Abbas
Zur Podiumsdiskussion „Integration. Mission Possible?“
Am 21.01.2010 fanden sich Prof. Emanuel Richter, Nurhan Karacak, Iris Kreutzer, Dr. Magarethe Schmeer, Claudia Walther, Cengiz Ulug und Hilde Scheidt mit vielen Zuhörern zu einer vom AStA organisierten Diskussion zusammen, um sich der Frage zu nähern: Was ist und kann Integration?
Migration und Integration: Abstrakte Wörter, die wertfrei scheinen, in denen sich aber heftige Debatten um Gastarbeiter, Rückreiseprämien, deutsche „Leitkultur“, Parallelgesellschaft und Einbürgerungstests spiegeln. „Wir sind erst ganz am Anfang“, bemerkt Bilal Celik und meint damit nicht die Integrationsdebatte, sondern den Verein Hevi.e.V.. Der neuzehnjährige Maschinenbaustudent engagiert sich ehrenamtlich mit anderen Studenten und Schülern zusammen, um Kindern mit Migrationshintergrund kostenlose Nachhilfe und Schachunterricht anzubieten. Sie versuchen den Kindern nicht nur den Schulstoff verständlich zu machen, sondern ihnen auch als Vorbild zu dienen. „Wir haben eine sozial verantwortliche Position in der Gesellschaft“, betont Abdullah Celik (17), der selbst noch Schüler ist. Hevi, so Bilal Celik, heißt Hoffnung auf kurdisch. Hoffnung, die alle jugendlichen Migranten haben, endlich in der deutschen Gesellschaft anzukommen, als gleichwertig akzeptiert zu werden und nicht mehr mit verzerrten Vorurteilen konfrontiert zu werden. Dies manifestiert sich auch im Filmbeitrag des AStAs, der zum Auftakt der Podiumsdiskussion „Integration. Mission Possible?“ am 21.01.2010, gezeigt wird. Insbesondere die auf beiden Seiten vorherrschenden Vorurteile und Ängste hemmen das Aufeinanderzugehen, was dringend notwendig für eine Multi-Kulti-Gesellschaft ist, die miteinander und nicht aneinander vorbei leben will.
Emanuel Richter, Professor für Politikwissenschaft an der RWTH und Moderator der Diskussion eröffnet diese mit der schwierigen Frage nach den Problemhorizonten der Integration und dem Verhältnis zwischen Deutschen und Migranten. Während Cengiz Ulug, Migrationsrat-Mitglied in Aachen seit 2004, vor allem Mut zur Veränderung auf beiden Seiten vermisst, sieht Nurhan Karacak, Geschäftsführer der Sprachenakademie an der FH Aachen, Probleme bezüglich der Sprachkompetenz. Viele der hier geborenen Migranten sprächen zwar perfekt Deutsch, hätten aber Schwierigkeiten mit der Schriftsprache, was zu einer Benachteiligung in der Schule führe. Darüber hinaus fehle es Kindern aus zerrütteten Familien in Stadtteilen wie Rothe Erde an positiven Vorbildern — von diesen gab es am Diskussionsabend dafür umso mehr. Da war zum Beispiel die 24-jährige Senay Demir. Als sie vor vierzehn Jahren zusammen mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland kam, musste sie in einem Asylheim Unterkunft finden, konnte kein Wort Deutsch und kannte niemanden hier. Heute spricht sie perfekt Deutsch, studiert Soziale Arbeit und engagiert sich in ihrer Freizeit, um anderen Migranten Nachhilfeunterricht zu geben. Wie ist es ihr gelungen sich zu integrieren und die Sprache zu beherrschen? „Ganz einfach“, antwortet Senay Demir kokett, „wenn die anderen Mitschüler mich beleidigt haben, habe ich sie nicht verstanden. Als ich Geburtstag hatte, sangen sie und hoben mich dreimal hoch- dabei wusste ich gar nicht, was „Geburtstag“ ist. Da wurde mir klar, dass ich die Sprache lernen muss“. So geht es vielen Migranten, die sich meist selbstständig in einer Kultur, die ihnen unbekannt oder gar befremdlich erscheint, zu Recht finden müssen. Sie kommunizieren oftmals, so berichtet es auch Senay Demir, für ihre Eltern mit Ärzten und Behörden. Auf diese Weise übernehmen sie im frühen Alter viel Verantwortung und lernen auf sich gestellt zu sein. Die frühe Segregation, d.h. Trennung im deutschen Bildungssystem bekam auch die Schwester von Senay Demir zu spüren. Obwohl sie in der Türkei ein Gymnasium besucht hatte, wurde sie in Deutschland aufgrund ihrer fehlenden Deutschkenntnisse auf eine Friseurschule geschickt, was weder ihren Fähigkeiten noch ihren Interessen entsprach. Nur dank einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin im Asylheim, konnte sie doch noch andere Wege einschlagen und landete letztendlich auf dem Gymnasium. „Da greift das Prinzip Zufall. Dem einen hilft eine Lehrerin, dem anderen ein Sozialarbeiter und wieder andere kommt ein Schulhausmeister zur Hilfe“, bestätigt Claudia Walther von der Bertelsmann Stiftung. Es könne aber nicht sein, dass nur Migranten, die Glück haben und zufällig jemanden finden, der sich für sie einsetze, die Integration gelinge, so Walther weiter. Die Diskussion um Migranten und ihre Zukunftsperspektiven werde außerdem zu häufig ohne Migranten selbst geführt, argumentiert Walther. Eine breite Masse der Öffentlichkeit nehme sie zu sehr als Problem wahr, anstatt Vielfalt als Stärke zu begreifen und vom Potential der Migranten zu profitieren.
Zu guter Letzt wird die wichtige Frage geklärt, was aus politikwissenschaftlicher Sicht „Integration“ überhaupt heiße. „Unter Integration“, erklärt Prof. Richter, „versteht man das Zusammenwachsen gleichwertiger Teile, die zu etwas Neuem zusammenwachsen“. Dafür, darin bestand Einvernehmen, sind aber alle gefragt: Deutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund sind dafür verantwortlich, dass Integration keine Mission Impossible bleibt!
© Kármán Hochschulzeitung e.V., Aachen