Veröffentlicht:
27.01.2010 -
Felix Kampel
"Projekt Leonardo" weiter auf dem Vormarsch
Nachdem sich das „Projekt Leonardo“ an der RWTH nach wie vor in einer „Testphase“ befindet, lässt ein öffentlicher Vortrag am vergangenen Donnerstag die Notwendigkeit des Fortbestehens der Initiative in aller Deutlichkeit zum Vorschein treten.
Am vergangen Donnerstagabend ist der Hörsaal Fo4 des Kàrmàn-Auditoriums bis auf den letzten Platz belegt. Neben engagierten Studenten und dem Rektor Ernst Schmachtenberg, hat sich auch eine breite, interessierte Öffentlichkeit eingefunden. Anlass für den Andrang ist ein Vortrag von Wolfgang Günter Lerch. Lerch, der seit 1978 bei der Nachrichtenredaktion der FAZ tätig ist und als ausgewiesener Fachmann für die politischen Ereignisse in Nordafrika und im Nahen Osten gilt, wird an diesem Abend einen Vortrag zur Frage nach der Vereinbarkeit der drei monotheistischen Religionen halten. Sein Titel: „Eine Aufklärung zu dritt? Die großen Religionen und der Clash of Civilizations“.
Dass Lerch ein ausgewiesener Fachmann in Fragen der orientalischen Geschichte sowie der kritischen Koranexegese ist, wird im Verlauf seines Vortrags schnell deutlich; die viel versprechende Frage hingegen, mit der der FAZ-Redakteur seinen Vortrag betitelt hat, bleibt an diesem Abend weitgehend unbeantwortet.
Nachdem Lerch zu Beginn seines Vortrags die üblichen Auftaktphrasen wie „Aufklärung“, „Gleichheit“ und „Trialog der monotheistischen Religionen“ noch hoffnungsvoll verlauten lässt, so verlieren sich diese im weiteren Verlauf zunehmend im Dunst und Nebel von Informationssalven über die Historie des Orients, mit denen Lerch die Besucher seines Vortrags pausenlos unter Beschuss setzt. Auch wenn man im Folgenden den ausschweifenden Ausführungen des bekennenden Katholiken nicht im Geringsten entnehmen kann, welche Bedingungen seiner Einschätzung nach ein gerechter „Trialog" eigentlich voraussetzten würde, so versäumt es Lerch dennoch nicht, den konzentrierten Zuhörer in seiner Conclusio darüber aufzuklären, dass er selbst sich als Vertreter eines so genannten „Inklusivismus“ versteht. Dass sich dieser Inklusivismus – im Gegensatz zu einem Exklusivismus – im Kern dadurch auszeichnet, dass er andere Religionen zwar anerkennt, die Wahrheit letztlich jedoch in der eigenen Konfession zu finden glaubt, wird in dieser Deutlichkeit von Lerch selber aber nicht mehr ausbuchstabiert.
In seiner Rolle als klassischer Funktionär der europäischen „Aufklärung" war es Kants Bestreben, ein ethisches System zu begründen, dass nicht länger auf die Annahme eines spekulativen Jenseits angewiesen ist und das seine normative Kraft allein aus dem Prinzip der Gleichheit aller Menschen ableitet. Wie auch immer Lerch den Begriff einer modernen „Aufklärung" fassen mag: Angesichts der sich innerhalb des letzten Jahrzehnts wieder zuspitzenden Religionskonflikte, bei denen dieser Kerngedanke der europäischen Aufklärung in den Hintergrund getreten zu sein scheint, wäre es wünschenswert gewesen, am vergangenen Donnerstags in Bezug auf diesen Egalitätsaspekt der europäischen Aufklärung neue Perspektiven für einen friedlichen Diskurs unter den drei großen Monotheismen zu schaffen.
Der große Andrang einer breiten Öffentlichkeit aus allen Altersklassen macht deutlich, dass ein Forum für Information, Aufklärung und Diskurs hinsichtlich der großen „Global Challenges“ mit regem Interesse wahrgenommen wird. Viele Konfusionen während und nach dem Vortrag zeigen auf der anderen Seite, dass uns in naher Zukunft wohl noch ein weiter Weg zu einer (wie auch immer verstanden) „Aufklärung“ bevorstehen wird. Dem „Projekt Leonardo" kann bei der Bewältigung dieses Weges insofern eine richtungsweisende Funktion zukommen, als es in seinem Bestreben liegt, ein Forum für studentische Aufklärung und öffentliche Debatten zu schaffen, das zu einer vernünftigen Bewältigung dieses Weges beiträgt. Dass Leonardo seinen Testlauf erfolgreich übersteht, wäre in dieser Hinsicht durchaus wünschenswert.
© Kármán Hochschulzeitung e.V., Aachen