Diskussion um den Bachelor am Tag der Lehre
Das Stiefkind der Forschung wurde sie gerne etwas herablassend genannt: die Lehre. Dass die Lehre aber sehr wichtig ist für die Zukunft der Hochschulen und nicht wie ein ungeliebter Verwandter behandelt werden sollte, haben spätestens die durch den Bologna-Prozess ausgelösten Debatten um Qualität und Stellenwert der Lehre an den deutschen Hochschulen gezeigt. Diese Debatte ist nun auch an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen angekommen und damit an jener Fakultät, die als Erste an der RWTH auf die neuen Studiengänge umgestellt hat. Es kann aber auch für andere Fachbereiche interessant sein, von dem Erfahrungsvorsprung der Philosophischen Fakultät zu profitieren, von Fehlern der „Erstis“ zu lernen und möglicherweise Bewährtes zu übernehmen.
Am 27. Mai 2009 fand zum ersten Mal der „Tag der Lehre“statt, veranstaltet vom Institut für Politische Wissenschaft und der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen. Als Pendant zum jährlichen „Tag der Forschung“ diente diese Veranstaltung dazu, sowohl produktive als auch kritische Impulse zur Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen aufzunehmen.
Auf der Podiumsdiskussion „Der Bachelor- eine Chance für die Lehre?“ setzten sich unter der Moderation von Prof. Helmut König vom Institut für Politische Wissenschaft, Prof. Johannes Wildt von der TU Dortmund, Prof. Armin Heinen vom Historischen Institut, Björn Meißner vom Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Anja Gadow, Mitglied des Vorstandes des Freien Zusammenschlusses der StudentInnenschaften (fzs) und Roksaneh Krooß aus der Fachschaft Philosophie (7/1) über den Zustand und die Zukunft der Lehre auseinander. Dass überhaupt über die Unzufriedenheit mit dem Bachelorsystem diskutiert wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Das Gejammer über die Überbelastung der Studierenden und die Sinnfreiheit von einigen Verordnungen ist nichts Neues, aber dass sich Professoren Zeit nehmen und ein Forum schaffen, um über die Probleme zu diskutieren, die sie im Rahmen der Fakultät vielleicht ein stückweit selbst mitverschuldet haben, ist schon eine Neuheit.
...Fordern und fördern
Sich bereits beim Lernen mit der Haltung des Forschens vertraut machen, Interesse an aktueller Forschung zeigen, sich Wissen durch Fragen und Prüfen selbst erschließen – das scheinen die Vorstellungen über gute Lehre sein und darin besteht auch „forschendes Lernen“. Doch wie sich dieses Konzept in die stark regulierten Bachelor- und Masterstudiengänge einbauen lässt und wie forschendes Lernen mit Massenveranstaltungen zu vereinbaren ist, darüber bestand wenig Einigkeit. In der offenen Diskussion mit dem Publikum wurde klar, dass insbesondere die Verschulung der Lehre im Bachelor / Master dem „forschenden Lernen“ zum Leid von Studenten als auch von Dozenten entgegen wirke. Denn während Dozenten sich darüber beschweren, dass Studenten nur noch mundgerechte, zerstückelt aufbereitete „Lehrhäppchen“ verdauen wollen, beklagen Studenten, dass dies nicht anders zu bewältigen sei in einem 86 Stunden vollen Studienplan, der pünktlich nach sechs Semestern bewältigt werden will.
Schmalspurstudium oder echte Chance der Lehre?
Wildt stellte fest, dass im Bachelor die Autonomie und Selbstorganisation durch ein „strangulierendes Prüfungssystem“ verhindert werde. Die Überregelung und die Überfüllung der Studienpläne seien von den jeweiligen Fachrichtungen selbst verschuldet und führten zur Immobilität, die dringend bekämpft werden müsse. Denn weder die Regelungswut noch die Verschulung seien vom Bologna-Papier vorgegeben, sondern seien von den jeweiligen Fakultäten einfach schlecht umgesetzt. Im gegenwärtigen Bachelor gäbe es zwar eine Chance für gute Lehre, das hänge aber stark von der jeweiligen Veranstaltung ab. Immerhin „ist eine Diskussion über gute Lehre in Gang gekommen, das war im Magister nicht unbedingt der Fall“, so Gadow.
Die Reform reformieren
Fazit der Veranstaltung ist, dass der gegenwärtige Bachelor dringend „entrümpelt“ werden muss. Nach Wildt, sollte der Autonomiegedanken gestärkt werden und wichtige Spielräume wieder eingebracht werden. Er selbst sei ein Humboldtianer im Bolognasystem, sagte er augenzwinkernd- eine Anspielung auf das Humboldtsche Bildungsideal, dass trotz der Sauce, die durch Bologna entstanden ist, verwirklicht werden will.
Prof. König sieht die Reform der Reform ebenso als notwendig an. „Eine Reform wird insgesamt wieder mehr Freiräume ermöglichen, um Selbstorganisation und Autonomie der Lehrenden und der Lernenden wieder stärker zu machen, zum Beispiel dadurch, dass nicht mehr in jeder Lehrveranstaltung Noten vergeben werden, die unmittelbar in die Endnote mit eingehen“, konstatiert Prof. König. Ein aachenspezifisches Problem sei, dass erfolgreiche B.A. Absolventen in Aachen nur einen Zweifachmaster anschließen können. „Dadurch gehen uns auch viele Studenten verloren. Wir müssen innerhalb der Philosophischen Fakultät vereinbaren, dass ein Einfachmaster möglich wird“. Der Tag der Lehre war insgesamt eine gelungene Veranstaltung, in der die Zukunft des Bachelors thematisiert worden ist – eine Zukunft, die zwar immer noch unklar ist aber dank solcher Veranstaltungen nicht zwingend unklar bleibt.