Schlaflos im Fo3
Ein Dauerplenum debattiert über 72 Stunden
Am Donnerstagnachmittag versammeln sich Studierende zur Besprechung des Aachener Bildungsstreiks im Fo3 und verlassen den Hörsaal vorerst nicht mehr. Der Rektor befürwortet zwar die Inhalte, aber nicht die Form des Protestes.
Eigentlich beginnt die medial heiß umkämpfte und in jeglichen Medienformen ausgeschlachtete Besetzung des Fo3,– offiziell als „Dauerplenum auf unbestimmte Zeit“ bezeichnet – ganz harmlos. Am Donnerstag, den 12.11. gegen viertel vor sechs, trafen sich zur Vollversammlung aller Studierenden, ein bunt gemischter Haufen von Studenten verschiedenster Studienrichtungen.
Nach einer Einführung von den Mitgliedern der Fachschaft 7/1 zum Aachener Bildungsstreikaktionsbündnisses, zu bundesweiten und zu internationalen Studentenproteste, wurde die inhaltliche Diskussion zu den Zielen des Bundesstreiks entfacht. Das Plenum einigte sich auf folgende hauptsächliche Forderung und Ziele des Streiks: Sofortige Abschaffung der Studiengebühren, Reformierung des BA/MA-Systems, eine bessere Hochschulfinanzierung durch das Land NRW, ein stärker selbstbestimmtes statt stark verschultem Studium, welches Bulimie-Lernen fördere. Aus Gründen des nicht abzuschätzenden Gesprächsbedarfs, stimmten die Studenten dann um 19:35 Uhr darüber ab, ob sie den Hörsaal räumen oder bleiben, um Pläne und Ideen für die bevorstehende Demonstration am Dienstag, den 17.11. auszutauschen. Etwa 50 Studenten wollen bleiben und damit ist das Dauerplenum eröffnet.
Was sagt der Rektor?
Am frühen Freitagmorgen wird es dann Ernst: Rektor Schmachtenberg begibt sich zu den Streikenden und stellt sich ihren Fragen. Das polarisierende Thema Studiengebühren kann er nicht entschärfen: Studiengebühren seien eine gute Investition in die Zukunft. Außerdem gelte, dass auch wer aus nicht akademischen Familien komme, aber ein Talent habe und das richtige Fach studiere, von der exzellenten Lehre an der RWTH profitiere. Eine Abschaffung der Studiengebühren steht für den Rektor, der immer wieder betont, dass nicht nur die Hochschule, sondern auch die Qualität der Lehre auf diese Gelder angewiesen sei, nicht zur Debatte. Dafür kommt es zu mehr Konsens in puncto Reform der Reform: Die Zulassungsbedingungen in Bezug auf Bachelor/ Master müssten dahingehend verändert werden, dass für jeden Bachelorabsolventen ein Masterstudienplatz zugänglich sei. Dafür würde er auch mit auf die Straße gehen, gibt der Rektor mit einem leichten Augenzwinkern zu. Zur psychischen sowie physischen Dauerbelastung der Studierenden in den neuen Studiengängen entgegnet er, dass ein Urlaubssemester oder ein Auslandssemester jedem frei stünde, der sich zu sehr gestresst fühle. Die Studenten sollten sich vor allem auf ein effektives Zeitmanagement konzentrieren, wie zum Beispiel in Gruppen arbeiten und Unwichtiges eher vernachlässigen. Grundsätzlich spricht sich Schmachtenberg gegenüber der Kármán dafür aus, dass Studierende auf akute Missstände und strukturelle Probleme der jetzigen Bildungssituation hinweisen. Dennoch ist er mit der Form des Protestes unzufrieden, denn seiner Meinung nach, blockieren circa vierzig Studierende die Ressourcen der Hochschule. Er geht davon aus, dass es sich um einzelne Studierende handelt, die nicht von der verfassten Studierendenschaft unterstützt werden bzw. diese vertreten.
Am Freitagabend− pünktlich kollidierend mit der Wissenschaftsnacht− wird das auf schätzungsweise 150 Personen angewachsene Plenum, wieder mit einem Besuch von ganz oben beglückt. Schmachtenberg betritt um 20:53 Uhr den Fo3, hört sich eine Auflistung der Missstände an der RWTH an und nimmt letztendlich selbst dazu Stellung. Im Anschluss daran, werden ihm wiederholt Fragen der Studierenden im Fo3 gestellt. Angeprangert werden nicht nur die sozial selektierenden Studiengebühren, die hohe Belastung in den Bachelor/ Masterstudiengängen, sondern auch der starke Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschule in Form von Hochschulräten etc. und die Vernachlässigung der Lehre im Vergleich zum hohen Stellenwert der Forschung.
Wie steht der AstA dazu?
AStA Vorsitzender Felix Gathmann (AlFa) betont gegenüber Kármán, dass sich der AStA schon seit längerer Zeit dazu entschieden habe, sich nicht aktiv an den Aktionen des Bildungsstreikbündnisses zu beteiligen. Er lehne eine Besetzung des Fo3 grundsätzlich ab, da er die Notwendigkeit einer solchen Aktion nicht sehe. Schließlich sei der Rektor immer offen für den Dialog mit den Studierenden. Dies zeige sich unter anderem an der guten und häufigen Zusammenarbeit des Rektorats mit dem AStA und den studentischen Vertretern. Während sich die studentischen Vertreter der Juso-HSG und der GHG mit den Streikenden solidarisieren, ihr Engagement schätzen und dazu aufrufen, sich an dem friedlichen Protest in Form von Diskussionen im Fo3 zu beteiligen, distanzieren sich die studentischen Vertreter von der LHG und STUDIUM von der Besetzung.
Was man von Besetzung oder Dauerplenum auch immer halten mag: Die bisher circa 72 Stunden andauernde Diskussion mit verschiedensten Studierenden, dem Rektor, dem AStA-Vorsitzenden und Vertretern von studentischen Listen wie der Juso-HSG hat aus Sicht vieler Studenten ein dringend benötigtes Forum zum Austausch geboten.